Architekturzentrum Wien  
 

 
 
Hintergrund 50/51 – Deutsche Ausgabe
Alexander Brodsky

Shop Nr.: 7750
Preis: € 12,00
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Deutsch
134 Seiten
Herausgeber: Architekturzentrum Wien
Juni 2011

Inhalt
5 Vorwort Dietmar Steiner
11 Alexei Muratow: Mensch an der Grenze
19 Alexander Brodsky
Projekte
111 Ein Interview mit Alexander Brodsky
120 Paper Architecture
128 Biografie und Bibliografie Alexander Brodsky
131 Az W Team und Ausstellung
134 Mitglieder Architecture Lounge, xlarge Partner

Vorwort
Wer ist Alexander Brodsky
Die Ausstellung mit und über Alexander Brodsky ist zunächst einfach eine Ausstellung über das Werk eines genialen und großartigen Künstlers und Architekten. Und weil es eine zentrale Aufgabe des Architekturzentrum Wien ist, neue, internationale Entwicklungen der Architektur zu präsentieren, findet diese Ausstellung statt. Ja, es ist eine Portion Spürsinn und Neugierde damit verbunden, etwas zeigen zu wollen, das noch nicht vom Mainstream medial verwertet wurde. Also: Wer ist Alexander Brodsky?

1955 in Moskau als Sohn einer Künstlerfamilie geboren, studierte er ab 1968 an der Moskauer Kunstschule und wechselte 1972 an das Moskauer Architektur Institut. Gehörte dann von Mitte der 1970er Jahre bis Anfang der 1990er Jahre gemeinsam mit Ilya Utkin der Bewegung der russischen „Paper Architects" an. Ihre utopischen und fantastischen Entwürfe suchten Auswege aus der Tristesse in der Architektur der Chruschtschow-Ära und der Zeit der Stagnation unter Breschnew. Mit den großteils für Wettbewerbsausschreibungen angefertigten Radierungen verweigerten sie ihre Teilnahme am staatlich strukturierten und entseelten Produktionsprozess. Brodsky und Utkin wurden in der Folge weltweit ausgestellt und erlangten internationales Ansehen. In den 90er Jahren konzentrierte sich Alexander Brodsky mit Grafiken, Skulpturen und Installationen auf seine künstlerische Tätigkeit, zog 1996 nach New York und etablierte sich zunehmend in der Kunstwelt. Weltweit kann Brodsky auf eine beachtliche Anzahl von Ausstellungen – sowohl einzeln als auch in jüngeren Jahren in Zusammenarbeit mit Ilya Utkin – zurückblicken. Wahrscheinlich nicht zuletzt, um dem Bauboom des neuen Russlands einen visionären Gegenpol entgegenzusetzen, gründete er 2000, zurück in Moskau, sein unkonventionelles Architekturbüro und begann mit der Realisierung von Restaurants, Einfamilienhäusern und temporären Architekturinstallationen. 2010 wurde Brodsky mit einer der höchsten künstlerischen Auszeichnungen Russlands, dem Kandinsky-Preis, gewürdigt.

Vor rund zehn Jahren verwirklichte er, eher zufällig, seinen ersten Bau, das 95° Restaurant. Weitere Bauten kamen dazu, aber immer eingebettet in seine fortlaufende künstlerische Arbeit. Viele entdeckten den Architekten Alexander Brodsky erstmals bei der Architekturbiennale 2006 in Venedig. Er gestaltete den russischen Pavillon mit einer Hommage an Moskau, die durch ihre Pointiertheit aus dem immer gleichen Reigen der Architekturpavillons herausstach. In den Folgejahren begegnete er uns wieder in Architekturmagazinen, wie beispielsweise Project Russia, Domus, Archithese oder Lotus. Verbunden mit dem Ausruf: „Brodsky ist nicht nur ein Künstler, er baut ja auch Häuser!“, festigte sich der Entschluss, eine Ausstellung mit und über ihn im Architekturzentrum zu realisieren, und wir begannen uns näher mit der Person Brodsky zu beschäftigen.

Alexander Brodsky wohnt mit seiner Familie in einer Moskauer Wohnanlage, die in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts für sowjetische Offiziere gebaut wurde. Also durchaus bürgerlich für russische Verhältnisse. Die Wohnung befindet sich im Dachgeschoß und war ursprünglich das Kunstatelier seines Vaters. Vor einigen Jahren schließlich umbaute Brodsky dieses kleine, im Originalzustand bewahrte Atelier mit einer Wohnfläche für seine Familie und schuf ein geradezu architektonisches Experiment der Raumerfahrungen und historischen Ablagerungen. Ein Wunderwerk der „Bricollage", deren artistisches Konzept davon lebt, dass ein unbeabsichtigt akkumulierter Alltag alle Notwendigkeiten und zufälligen Überflüssigkeiten in Schichten zu einem Gesamtkunstwerk verdichtet. Dem entspricht, wie eine Spiegelung, sein Atelier. Dieses befindet sich versteckt gelegen in der Dachkammer des Seitenflügels – die „Ruine“ genannt – des Moskauer Schusev State Museum of Architecture.

Das Az W zeigt – erstmalig in einer Ausstellung vereint – Arbeiten Brodskys als Künstler und als Architekt. Die Installation ist eingebettet in eine Vielzahl an Zitaten früherer Arbeiten – Skizzen, Pläne, Zeichnungen und Beispiele seiner berühmt gewordenen „paper architecture“ zeigen die Bandbreite seiner Arbeit und das Wechselspiel zwischen Kunst und Architektur. Fotografische Interpretationen von Yuri Palmin – Fotograf und langjähriger Wegbegleiter – veranschaulichen die unaufdringliche und zurückhaltende Herangehensweise seiner Architektur. Seine Arbeiten stehen in jähem Kontrast zur wildwuchshaften Entwicklung Russlands. Während westliche „Star“-Architekten kontroversielle Projekte realisieren, bleibt Brodskys Architektur zurückhaltend und verwischt immer wieder die Grenzen zwischen Kunst und Architektur. Tief verwurzelt in der kulturellen Tradition Russlands, verbinden seine Projekte scharfe Kritik am System mit feiner Ironie. Die wenigen – und erst in den letzten Jahren immer größer werdenden – Projekte sind von klarer Einfachheit und theatralischer Stärke geprägt, niemals kitschig, niemals gestrig, finden sie auf sehr persönliche Weise immer den richtigen Ton. Brodskys architektonisches Schaffen erstreckt sich derzeit ausschließlich auf Russland und seine BauherrInnen bestehen aus einem kleinen Kreis wohlhabender Individualisten, die sich dem heute herrschenden russischen Baustil bewusst entziehen.

Für das Az W verwirklichte Alexander Brodsky eine die Ausstellungshalle einnehmende Installation, die die BesucherInnen in ihren Bann ziehen soll: Der Tag wird zur Nacht, die Dimensionen von Raum und Zeit scheinen sich langsam aufzulösen, während man durch eine künstlich geschaffene archäologische Wunderkammer schreitet. Die eigens für das Az W gefertigte Installation stellt eine Weiterentwicklung der Arbeit Brodskys mit Ilya Utkin dar, die 1990 für die Ausstellung „Between Spring and Summer: Soviet Conceptual Art in the Era of Late Communism“ in den USA realisiert wurde.

Wir haben, sehr aufwendig und intensiv, diese Ausstellung mit und über Alexander Brodsky entwickelt, weil wir überzeugt davon sind, dass eine Entwicklung der „Kunst der Architektur" heute nicht mehr allein den synthetischen, medial gehypten Sensationen spektakulärer Entwürfe folgen soll. Alexander Brodskys Haltung soll uns daran erinnern, dass die wahre Kunst der Architektur darin besteht, unsere gegenwärtige Lebenswirklichkeit zu hinterfragen und aus den Wirklichkeiten unseres Daseins neue Hoffnung zu generieren.

Alexander Brodskys Werke erschließen uns eine andere Dimension der Architektur als die heute geläufige in ihrer professionellen und technoiden Zukunftstrunkenheit. Seine Bauten sind eng mit seinen Werken als Künstler verbunden, ja verwoben. Brodskys Methodik der Konzeption und Realisation bei Kunst und Architektur unterscheidet sich kaum in ihrem Weg von der Idee zum Raum, zum Gegenstand. Seiner Kunst und seiner Architektur wohnt eine gewisse Sehnsucht inne, die im Festhalten des Alltäglichen nach Artefakten der Notwendigkeit und der Dauer fahndet. Diesem Weg ist die Skepsis gegenüber einer konsumistischen oder technologischen Lösungskompetenz immanent. Brodsky zeichnet mit der Hand, baut kleine Arbeitsmodelle, Objekte, Skulpturen. Begleitet den Entstehungsprozess. Neugierig, nachdenklich, spielerisch. Illusionen der Geschichtlichkeit werden so wie jene des Fortschritts von Brodsky entlarvt. Er geht nicht bewusstlos vorwärts und auch nicht bewundernd rückwärts. Er nimmt das Hier und Heute und ordnet es neu, befindet sich damit im Zustand der „Bricollage", dieser wundersamen Methode der Formschaffung der Evidenz.

Bricollage ist der akademische Begriff für das Basteln. Die Bricollage durchstöbert und durchforstet permanent das aktuelle allgemeine Angebot an Materialien, Baumethoden, hinterfragt allgegenwärtige Klischees, codiert Symbole neu, verifiziert beständig das jeweils Neue daran und erforscht und erprobt bisher nicht gewagte Kombinationen. Sie ist, und da bin ich gerne parteiischer Ideologe, die wirklich realistische, mit dem heutigen Zustand dieser Gesellschaft politisch und kulturell verbundene Kraft. In Marcel Duchamps künstlerischem Werk liegen ihre intellektuellen und konzeptionellen Wurzeln, in Dieter Roths ebenso gewaltigem wie sensationellem Lebenswerk fand sie ihre künstlerische Vollendung. Es geht um die Wiederverwertung des Vorhandenen, um Recyling von Materialien und Ideen, das sich mit dem Neuen, dem Unerwarteteten und Unbekannten mischt. Wenn wir alle heute ein „gesampeltes Leben“ in „Patchwork-Existenzen“ haben, warum sollte gerade dann die Architektur den Rahmen und Raum dafür mit hermetisch elegant gestylten Ordnungen, in welchem Stil auch immer, vorgeben? – Denn eines ist sicher: In Alexander Brodskys „Wunderkammern“ ist es niemals langweilig, bekommt die Erfahrung die Möglichkeit der Unendlichkeit. (Dietmar Steiner, Katharina Ritter)


© Az W 

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