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Veranstaltungsort: Architekturzentrum Wien - Podium
Symposium: 15. April 2005 - 16. April 2005
Tickets:
Eintritt frei!
Freitag, 15. 04. 2005
18.30 – 19.15 Maria Welzig, Architekturpublizistin und freie Kuratorin, Wien Bernard Rudofsky – Wiener Wechselwirkungen Wenn auch Rudofsky von sich sagte, er habe “wie manche Urwaldpflanzen nur Luftwurzeln”, so steht sein Werk doch in einem spezifischen Wiener kulturgeschichtlichen Kontext. In Übereinstimmung mit Adolf Loos und Josef Frank sind für ihn architektonische Fragen primär Fragen der Lebenskultur, und wie Frank nahm sich Rudofsky – entgegen einem technokratischen und nationalistischen Zeitgeist – die Freiheit, die gesamte Kulturgeschichte – weltumspannend – als Erkenntnis- und Inspirationsquelle zu nutzen. Aus diesem gemeinsamen Hintergrund erklären sich auch die zahlreichen Verbindungslinien zum Wiener Architektenkollegen Roland Rainer. Letztlich schließt sich dieser Kreis mit Rudofskys Rückkehr nach Wien als Kurator der Ausstellung Sparta/Sybaris, 1987, im MAK: eine späte Entdeckung des weltweit erfolgreichen Ausstellungsmachers und Autors für den deutschsprachigen Raum. Indem Rudofsky die Architektur auf die essentiellen Fragen des Lebens zurückführte, ist sein Werk eine zeitlos lohnende Quelle.
19.15 – 20.00 Andrea Bocco, Politecnico di Torino Die Kunst des Wohnens: Häusliches Wohlbefinden, mediterraner Geist und Architektur Dass Rudofsky jahrelang am Mittelmeer wohnte, folgt einer Jahrhunderte alten Tradition unter Architekten und Künstlern aus dem Norden und ließ ihn eine der zentralen, wenn auch zwiespältigen Phasen des Modernismus erleben. Vor allem aber war Italien der Ort, ein gesundes, psychisch und physisch intaktes persönliches Leben zu führen, ein heilsamer Quell einer “noch unverdorbenen” Lebensweise, die es möglich zu machen schien, den Themen Behausung und Bekleidung auf den Grund zu kommen. Rudofsky verarbeitete die Ergebnisse seiner Forschungen sowohl in seiner hoch verfeinerten Entwurfspraxis als auch in der Zeitschrift Domus (1938); eine Vorwegnahme aller Themen seiner späteren Bücher und Ausstellungen in den Vereinigten Staaten, getragen vom selben Interesse am materiellen Leben. In seinen Architekturprojekten versuchte Rudofsky, Alltagsverrichtungen einen würdigen Raum zu geben und das Haus als Prüfstein einer Lebensphilosophie zu gestalten, die auf Intimität, Langsamkeit, Intensität und Sinnlichkeit gründete, ohne sich um gesellschaftliche Normen und unnötigen Konsumismus zu kümmern. Die Vorstellung individueller Abgrenzung als eines existentiellen Wertes und die Notwendigkeit, in einem Haus Außen- und Innenräume zu kombinieren, machte den Patio in Rudofskys Arbeiten zu einem Element von höchster Bedeutung: natürlich in seinen Entwürfen, aber auch in seinen theoretischen Schriften und seinen wenigen gebauten Projekten. Einige Beispiele, “Idealentwürfe” wie auch konkrete Auftragsarbeiten, darunter die Casa Campanella, der Albergo San Michele, das Atriumhaus Procida und die viel gerühmte Casa Oro, zeigen seine Verbindung von expressiven und Forscherinteressen: Architekturentwurf war für ihn zugleich ein Instrument professioneller Praxis und wissenschaftlicher Untersuchung.
20.00 – 20.50 BERTA RUDOFSKY Mein bester Beruf war es, Bernards Frau zu sein Ein Film von Margot Fürtsch, Monika Platzer Schnitt: Kurt Van der Vloedt Der Film basiert auf Interviews mit Berta Rudofsky und begleitenden Filmaufnahmen in New York, Neapel und Frigiliana (2002 – 2004). In den persönlichen Erinnerungen von Berta Rudofsky spiegeln sich Architektur– und Lebenskonzepte des Weltbürgers Bernard Rudofsky. Berta Rudofsky war nicht nur Ehefrau und Zeitzeugin, sondern auch Mitarbeiterin, Mitreisende, Managerin, Autofahrerin, Übersetzerin, Sandalenproduzentin, Lehrende, Lektorin, Modell und Muse. Bis heute ist sie Nachlassverwalterin und somit als ”anonyme” Akteurin in vielfältiger Weise am Oeuvre ihres Mannes beteiligt. Dem Publikum wird es ermöglicht, Tatsachen und Motive, die sich hinter den Kulissen der ”offiziellen Geschichte” abspielten, nachzuvollziehen. Wie und unter welchen Umständen passiert Architektur? Somit ist die Lebensweise, das ”private life” des Produzenten von Interesse, nach Beatriz Colomina ist das ”secret life of architects (...) the domestic life of architecture”.
Samstag, 16.04.2005
15.00 - 16.00 Karl Wutt Habitus und Habitat: Afghanistan Architektur besteht zwischen Habitus und Habitat. Der Mensch richtet sich in der Natur häuslich ein, domestiziert die Wildnis und erzeugt sich ein Habitat, die Landschaft: “Hier, am Fuß des Dorfes, ruht sich der Fluss bei seinen Steinen von den Feldern aus. Der Mensch hat den Fluss in ein weites terrassiertes Bewässerungsland – in Architektur – verwandelt”, schrieb ich in einem Aufsatz (“Afghanistan, auf den zweiten Blick”) über die Landschaft eines Seitentales des Indus. Und nun zum Begriff Habitus: “Ich glaube, ein junges Mädchen erkennen zu können, das im Kloster erzogen wurde. Sie geht meistens mit geschlossenen Fäusten”, sagte Marcel Mauss 1934 in einem Vortrag über die “Techniken des Körpers” und verstand darunter “die Weise, in der sich die Menschen in der einen wie der anderen Gesellschaft traditionsgemäß ihres Körpers bedienen”, also: wie sie (“milieubedingt”) gehen, stehen, essen, sitzen, liegen usw. und wie sich dies in entsprechenden Artefakten ausdrückt – Kleidern, Häusern, Möbeln usw. Jene Überlegungen waren Bernard Rudofsky wahrscheinlich bekannt, als er – radikal und polemisch – 1987 am Wiener MAK ein Buch zu einer Ausstellung publizierte, das ich gerade deswegen liebe, weil er darin aus seinen Vorlieben – seinem Habitus – kein Hehl machte: Sparta/Sybaris. Keine neue Bauweise, eine neue Lebensweise tut not.
Als ich – nach dem 11. September 01 – und einem Blackout von 26 Jahren wieder die Pashai im Hindukush – eine vorislamisch geprägte Ethnie Afghanistans – besuchte, fand ich ihr Habitat kaum verändert: Der Krieg hatte ihre unzugänglichen Dörfer weniger zerstört als isoliert und äußerlich sogar bewahrt. Die Leute aßen und saßen nicht mehr genau wie zuvor, trugen neue, selbstgemachte Mützen und dachten an “bessere” Häuser. Als ich (November/Dezember 2004) zum dritten Mal nach dem Krieg nach Afghanistan kam, hatten sich dort ein paar Warlords “Toscanische Villen” errichtet, was die Frage aufwarf, warum Kontakte zwischen unterschiedlichen Kulturen so leicht im Kitsch, im Souvenirmäßigen etc. enden. Ich bringe aber in einer Fotoserie “positive” Gegenbeispiele und zeige den idealen Typus eines Habitat, eine Miniaturlandschaft mit einem “Flüsschen”, einem “See”, einem Garten, mit einem eigenen Menschenschlag und gewissen Tieren: Mehtarlam, ein Heiligengrab der afghanischen Provinz Laghman. (Text: Karl Wutt)
16.00 – 16.45 Felicity Scott, University of California, Irvine Neudenker des Modernismus am MoMA Am bekanntesten ist Bernard Rudofsky für Architecture without Architects, eine Schau, die 1964 am New Yorker Museum of Modern Art eröffnet wurde. Die Ausstellung und der populäre Begleitkatalog wurden als zeitgerechte und kritische Stellungnahme zur amerikanischen Architektur der sechziger Jahre aufgefasst. Allerdings hatte Rudofsky schon seit Jahrzehnten gleichermaßen aufschlussreiche und polemische Schriften zum Zustand von Architektur und Design in Amerika geliefert. Von seiner 1944 im MoMa gezeigten Ausstellung Are Clothes Modern?, bis zu Behind the Picture Window (1955) und ebenso in seiner Arbeit als Ausstellungsarchitekt der Präsentation im amerikanischen Pavillon der Weltausstellung von Brüssel 1958 hatte Rudofsky in seiner facettenreichen Produktion eine durchgängige, polemische und parodistische Bewertung des American Way of Life entwickelt. Die hier vorgestellte Arbeit konzentriert sich auf Aspekte seiner frühen Produktionen in Amerika, darunter auch kuratorische Projekte und Installationen, ebenso wie Schriften, redaktionelle und Entwurfsarbeiten: sie alle bildeten die vielen Medien, durch die Rudofsky seine Kritik an der warenweltlichen Vereinnahmung des Alltagslebens formulierte. Zugleich wird gezeigt, wie sehr seine Deutung des Alltagslebens in engem Dialog mit den prominentesten Protagonisten, Diskursen und Institutionen des Modernismus in Europa und Amerika stand.
17.00 – 17.45 Wim de Wit, The Getty Research Institute, Los Angeles Rudofskys Unbehagen – Reisen als Passion Zu reisen war ein wesentlicher Teil des Lebens von Bernard Rudofsky. Für ihn war es ein Mittel, neue Ideen zu den Themen zu entwickeln, die ihn interessierten: der Körper, Kleidung, Essen und die gebaute Umgebung. Während ihm der Orts- und Szenenwechsel, den das Reisen mit sich brachte, ein persönliches Bedürfnis war, widerstrebten ihm die Veränderungen in unseren Ess-, Bade-, Wohn- und anderen Gewohnheiten, und er machte es sich zur Aufgabe, Alternativen anzubieten, basierend auf einem besseren Verständnis der historischen Wurzeln dieser Gewohnheiten.
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© Wilfried Krüger
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